HASKALA
(19. Jahrhundert)
Haskala
Die Begräbnisbruderschaft – Chewra Kadischa. „Der Tod ist kein Gegner des Lebens, sondern ein natürlicher Teil davon…“
Das Leben der jüdischen Gemeinden spielte sich um alltägliche und spirituelle Angelegenheiten ab.
Die jüdische Welt entstand und konzentrierte sich auf drei Orte: das Gebetshaus (Synagoge), das Mikwe, also das rituelle Bad, und den Friedhof, den Ort der Beerdigung und des endgültigen Wartens auf die Ankunft des Messias. Diese dreizehnte Glaubensregel aus dem Kommentar von Maimonides zur Mischna hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Wahrnehmung des Todes eines Gemeindemitglieds. Der Sterbende konnte darauf zählen, dass Familienmitglieder bis zum Schluss bei ihm waren, Psalmen sangen und Gebete verrichteten. Der Leichnam sollte innerhalb von 24 Stunden beigesetzt werden. Im späten 18. Jahrhundert verlangten die preußischen Behörden, dass vor der Beerdigung des Leichnams einige Tage gewartet werden musste. Diese Änderung war auf Fehler zurückzuführen, die dazu führten, dass Personen im katatonischen Zustand oder im Koma beigesetzt wurden. Solche Personen konnten während der Beerdigungszeremonie oder sogar im Grab wiederbelebt werden.
Die jüdische Gemeinde von Breslau beschloss ebenfalls, die Tradition schließlich an die neuen Vorschriften anzupassen und führte die Regel ein, die Beerdigung drei Tage nach dem Tod durchzuführen. Die Vorbereitung des Leichnams und die Beerdigung wurden von einer speziellen Bruderschaft, der sogenannten Chewra Kadischa (heilige Bruderschaft), übernommen, die wahrscheinlich seit den Anfängen der Breslauer und schlesischen jüdischen Gemeinden existierte. Die ersten Aufzeichnungen über die Breslauer Begräbnisbruderschaft stammen aus dem Jahr 1725. Dank der Informationen aus den Dokumenten wissen wir, dass ihr Hauptziel darin bestand, die Mitglieder der Gemeinde im Krankheits- und Todesfall durch Gebete zu unterstützen. Ab dem 18. Jahrhundert wurde sie als Jüdische Einrichtung zur Pflege von Kranken und als Begräbnisverein bezeichnet, da sie sich auch um kranke Juden kümmerte, die keine Familie und keine Unterstützung durch ihre Angehörigen hatten. Die Statuten von 1826 legten die Aufgaben der Mitglieder der Bruderschaft klar fest: die Pflege und Betreuung von Kranken und Armen, die Gewährleistung einer kostenlosen medizinischen und pharmazeutischen Versorgung für sie und schließlich die Gewährleistung einer würdevollen Beerdigung für die Verstorbenen, unabhängig von ihrem Stand und Geschlecht, unter Wahrung der Traditionen und Rituale. Für arme Familien des Verstorbenen übernahm der Verein zusätzlich die Deckung aller Kosten für die Vorbereitung und die eigentliche Zeremonie aus eigener Kasse. Mit der Institution arbeitete eine Gruppe von Grabwärtern zusammen, die als Kabranim bezeichnet wurden. Die Begräbnisbruderschaften waren in ganz Niederschlesien verbreitet und existierten dort, wo die jüdischen Gemeinden aktiv waren, unter anderem in Strzegom, Kłodzko, Kamienna Góra oder Jelenia Góra.
Die „Chewra Kadischa“ spielte eine wichtige Rolle bei der Integration der jüdischen Gemeinde und hatte einen nicht unerheblichen Einfluss auf deren Funktionieren. Dank Spenden und Unterstützung wohlhabender Juden konnte sie die Entwicklung von Nekropolen vorantreiben. Durch die Aktivitäten der Jüdischen Krankenhaus- und Bestattungsgesellschaft entstanden drei neue Friedhofsanlagen: in der Gwarna-, Ślężna- und Lotnicza-Straße.
Der letzte Weg.
Die Beerdigungszeremonie bestand aus mehreren Schritten. Nach dem Tod wurde der Leichnam auf Stroh auf dem Boden gebettet. In Übereinstimmung mit den Regeln des Talmud wurden die Augen bedeckt, was das Ende aller Wünsche symbolisieren sollte, die die menschlichen Emotionen zu Lebzeiten entfacht hatten. Die meisten Handlungen wurden von der Chewra Kadischa durchgeführt, die den Leichnam zum Bet Tahara/Tahore Schtibl (Leichenhaus) brachte. Der Name leitet sich von der rituellen Reinigung des Leichnams ab – Tahara (Ablution). Tradition und Vorschriften verboten es den Familienmitgliedern, sich zu dieser Zeit bei dem Verstorbenen aufzuhalten. Die Brüder der Bruderschaft kümmerten sich um die Leichen der Männer, und die Ablution des Leichnams der Frauen wurde von den weiblichen Mitgliedern durchgeführt. Zu dieser Zeit wurden Gebete mit Zitaten aus dem Buch Ezechiel, dem Buch Jeremia, dem Buch Josua und den Worten des Hohenliedes gesprochen. Zum Schluss wurde der trockene Leichnam in Trauerkleidung gekleidet. Er wurde in ein Leichentuch gewickelt, da die Tradition eine schnelle Verbindung des Leichnams mit der Erde vorschrieb.
Allerdings haben die Medizin, epidemiologische Erwägungen und die behördliche Anordnung, Leichen in Särgen zu bestatten, die bisherigen Bestattungssitten verändert. Juden begannen, Särge ohne Verwendung von Nägeln aus weichem, schnell verrottendem Holz herzustellen. Diese hatten eine kleine Öffnung, die den Kontakt des Verstorbenen mit der Erde sicherstellte. Dies ist ein Kompromiss zwischen alten Bräuchen und den Anforderungen der Moderne.
Königliches Edikt und die Pflicht zur Bestattung.
Das Königreich Preußen erlebte im Laufe der Neuzeit einen Niedergang seiner Macht, die es Friedrich II. verdankte. Er eroberte das Gebiet des westlichen Polens und den größten Teil von Schlesien, das sich in den Händen der Habsburger befand, und leitete die Teilungen ein. Er wurde erst von den napoleonischen Truppen besiegt. Um den Staat zu stärken, mussten die Beziehungen zu den Untertanen, einschließlich der Juden, normalisiert werden. Am 11. März 1812 erließ König Friedrich Wilhelm III. ein Edikt, das den Juden Bürgerrechte gewährte und ihnen die volle Teilhabe an der Gesellschaft auf Augenhöhe mit den christlichen Einwohnern des Königreichs ermöglichte. Die Juden konnten von nun an frei in Städten und Dörfern siedeln, Immobilien erwerben und Friedhöfe bauen.
In nachfolgenden Anordnungen der Behörden von 1814 und 1818 wurden die Juden sogar angewiesen und gezwungen, Friedhöfe anzulegen. Dies hing mit sanitären Fragen zusammen, da der lange Transport von Leichen, wie es der Tradition entsprach und ohne Sarg erfolgte, zu Epidemien führen konnte. Daher ermöglichte die Entscheidung der Beamten die Schaffung eines Netzwerks von Friedhöfen. Im Jahr 1813 kämpften die Juden, in Dankbarkeit für die Einführung des neuen Gesetzes, gegen die französischen Truppen Napoleons. Sie wurden mit feierlichen Reden und Segnungen in den Gebetshäusern verabschiedet.
Die Neue Synagoge (auch bekannt als Synagoge auf dem Wygon, an der heutigen Łąkowa-Straße).
Das prächtige Gebäude wurde 1872 auf Initiative einer Gruppe von Juden aus Breslau errichtet, die bereits in den 1840er Jahren mit der Haskala verbunden waren. Die liberale und wachsende Gemeinde benötigte einen Ort zum Gebet. Im Jahr 1864 begann man mit dem Bau der Synagoge, für die zu dieser Zeit eine beträchtliche Summe von 240.000 Talern aufgewendet wurde. Die Synagoge konnte 1850 Personen aufnehmen (1050 Männer und 800 Frauen). In einem Wettbewerb wurde das Projekt des bekannten jüdischen Architekten Edwin Oppler ausgewählt, der ein Verfechter der Assimilation an die deutsche Kultur war. Oppler sagte: „Deutsche Juden in einem deutschen Staat bauen auch im deutschen Stil“, und deshalb betrachtete er das neoromanische Gebäude als authentisch deutsch. Die monumentale Konstruktion zeichnete sich durch eine Kuppel mit einem Durchmesser von 18 m aus, die sich auf eine Höhe von 73 m erhob.
Die feierliche Eröffnung der Synagoge fand am 29. September 1872 in Anwesenheit des orthodoxen Rabbiners Gedalja Tiktin und des Rabbiners der liberalen Gemeinde, Manuel Joël, statt. Es war eine Geste der Versöhnung, die einen langjährigen Streit innerhalb der jüdischen Gemeinde von Breslau beendete. Die Synagoge beeindruckte durch ihren Stil, ihre Ausführung und die Wandmalereien von Gisbert Münster. Sie dominierte das Gebiet der heutigen Straßen Łąkowa, Podwale und Tadeusz Kościuszki. Sie wurde zu einem bedeutenden Symbol für die jüdische Präsenz in Breslau. Aus diesem Grund musste sie während der Reichskristallnacht am 9. November 1938 im nationalsozialistischen Dritten Reich verschwinden. Die Mauern der Synagoge waren so stabil, dass zur Durchführung ihrer Zerstörung Pioniere eingesetzt werden mussten.
Der renommierte Historiker Willy Cohn schrieb in seinen Memoiren:
„In der Nacht kam es zu schweren Unruhen! Der Milchhändler sagte meiner Frau am Morgen, dass die Neue Synagoge in Brand gesteckt und die Geschäfte verwüstet worden seien.“
10. November
Es scheint, als ob in der Stadt etwas Schlimmes vor sich geht! Die neue Synagoge brennt immer noch! […]Alle jüdischen Geschäfte wurden zerstört, so stand es heute in den „Neueste Nachrichte“, und die Neue Synagoge brennt weiter. Angeblich wurden alle Synagogen zerstört.
11. November
Die Kuppel der Neuen Synagoge ist eingestürzt, das Innere ist vollständig ausgebrannt. […]Ich glaube nicht mehr an den Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Deutschland. […]Die Atmosphäre auf den Straßen ist […]sehr antisemitisch, und die Leute freuen sich über das, was den Juden widerfahren ist. Ein schrecklicher Bericht über den Einsturz der Neuen Synagoge, [1]in der noch mein Vater gebetet hat und mit der meine frühesten Erinnerungen verbunden sind.
[1]W. Cohn, Kein Recht – nirgends. Tagebuch aus Breslau 1933–1941, Wrocław 2010, S. 223–225.


